Branche Kirche und Wohlfahrt
19.05.2018 | Michael Majewski | 8 min Lesezeit
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Einblicke in die Branche Kirche und Wohlfahrt

Nur wenige IT-Experten haben sich bisher intensiv mit den Abläufen und Arbeitsweisen der Kirchen und Wohlfahrtsbranche beschäftigt. Branchenexperte Michael Majewski von digatus teilt seine Erfahrungen in diesem Interview mit uns und gibt seine persönliche Einschätzung zu möglichen Entwicklungen und einsetzenden Trends.

Welche Rolle übernimmst du bei digatus?

Als Leiter des Kompetenzzentrums Kirche und Wohlfahrt, beschäftige ich mich schon länger intensiv mit den spezifischen Bedürfnissen und Belangen der Branche. Die Arbeit in diesem Bereich ist äußerst vielfältig und bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich. Da noch viele spannende Aufgaben vor uns liegen, sind wir auch dabei, unser Team noch weiter auszubauen.

Wie wird IT in der Branche derzeit eingesetzt und betrieben?

In vielen Fällen gibt es momentan zwei wesentliche Ausprägungen: Einerseits die zentral bereitgestellte IT des jeweiligen Bistums bzw. Caritasverbandes. Andererseits wird derzeit noch in vielen dezentralen Einrichtungen die IT von Ehrenamtlichen oder Hauptamtlichen, IT-fremden Mitarbeitern betrieben.

Wo liegen deiner Meinung nach aktuell die Heraus­forderungen?

Die höchste Priorität liegt derzeit ganz klar darin, die strengeren Datenschutzvorgaben zu erfüllen, die die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) vorgibt, welche am 25. Mai 2018 in Kraft tritt und europaweit den sicheren Umgang mit personenbezogenen Daten regelt. Diese Verordnung hat auch erhebliche Auswirkungen auf kirchliche und soziale Einrichtungen, denn sie arbeiten größtenteils mit sensiblen personenbezogenen Daten, welche der höchsten Schutzklasse unterliegen.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt in der Standardisierung und Zentralisierung der IT sowie der Vereinheitlichung der Fachsoftware. Der erwünschte Effekt daraus ist eine bessere Steuerbarkeit der IT zu erlangen und durch mehr Effizienz und Transparenz Kosten einzusparen.

Wir schaffen den schwierigen Spagat zwischen Business und Wohlfahrt und bringen dadurch zwei Welten näher zueinander.
Michael Majewski
Michael Majewski
Leiter Kompetenzzentrum Kirche und Wohlfahrt

Welche Besonderheiten bringt die Branche mit sich? Gilt es spezielle Vorschriften zu beachten?

Tatsächlich existieren eigene Gesetze, die gezielt auf die Branche zugeschnitten sind. Grundsätzlich ist es der Kirche gestattet, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln und zu verwalten. Allerdings muss dies in Einklang mit den geltenden staatlichen Gesetzen und Verordnungen stehen. Mit dem neuen Kirchlichen Datenschutz Gesetz (KDG), welches im Mai 2018 in Kraft tritt, wird somit gewährleistet, dass der kirchliche Datenschutz eine gleichwertige Datensicherheit bietet, wie sie in der DSGVO festgelegt ist.

Die Kirche mit ihrer starken Präsenz vor Ort hat eine enorme Vielfalt an Arbeitsfeldern. Sie ist einerseits Behörde und andererseits der wichtigste „Dienstleister“ für seelsorgerische und caritative Aufgaben im Land. Viele Prozesse – zum Beispiel eine Taufanmeldung – erstrecken sich von der lokalen Kirchengemeinde bis in die zentrale Verwaltung. Diesen Spagat zwischen dezentraler Eigenständigkeit und zentraler Steuerung zu bewältigen, ist auch für die IT herausfordernd, aber gleichzeitig enorm spannend und wertvoll.

Im Umgang mit sozialen und kirchlichen Einrichtungen wird besonderer Wert auf einen einfühlsamen und verständnisvollen Kundenkontakt gelegt. Dies ist sehr entscheidend, da die vermittelten Wertvorstellungen dort auch im beruflichen Alltag geschätzt und gelebt werden. Hinzu kommt, dass viele Nutzer meist nur wenig Berührungspunkte mit IT hatten und somit im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung eine intensivere Betreuung benötigen.

Wie kann digatus die Organisationen auf dem Weg der Digitalisierung unterstützen?

Indem wir ganz gezielt einen Branchenfokus auf Kirche und Wohlfahrt setzen. Dadurch erhalten wir wertvolles Expertenwissen und können unsere Kunden somit optimal betreuen und beraten. Wir schaffen den schwierigen Spagat zwischen Business und Wohlfahrt und bringen dadurch zwei Welten näher zueinander.

Welche Erfahrungen konnte digatus in der Branche schon sammeln?

Wir haben bereits mehrere Bistümer und Caritasverbände in spannenden Projekten begleitet. Das Bistum Würzburg unterstützten wir zum Beispiel bei bistumsweiten Client Rollouts im Rahmen des Projekts EDV2020 sowie bei der Einführung eines Projektmanagementbüros (PMO) und IT-Servicemanagements. Für den Caritasverband der Diözese Würzburg führen wir außerdem eine komplette Auslagerung der IT durch, von der Evaluation über die Ausschreibung, bis hin zur Planung der Transition und deren Umsetzung zum neuen IT-Dienstleister.

Welche Entwicklungen und Trends zeichnen sich derzeit ab?

Knappe Ressourcen zwingen auch die Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände, IT kostensparend einzusetzen und sich auf die eigentlichen Kernkompetenzen zu konzentrieren. Wir glauben, dass dies vermehrt zu einer Auslagerung von Basis-IT-Diensten zu externen Dienstleistern führt. Die interne IT muss sich verstärkt darum bemühen, den Mitarbeitern vor Ort moderne Anwendungen und eine mobil verfügbare Infrastruktur bereitzustellen. Die Einbindung der vielen Ehrenamtlichen und die Betreuung so vieler Nutzer unter Einhaltung der Anforderungen des Datenschutzes ist eine weitere Herausforderung. Die fortschreitende Digitalisierung erfordert als Basis eine funktionierende und moderne IT, weshalb sich eine strukturelle Neuausrichtung und Professionalisierung der IT, sowohl in der Kirche als auch in der Wohlfahrtsbranche, abzeichnet.

Welche Potentiale siehst du für die Branche?

Ich glaube, dass vor allem durch eine konsequente Vereinheitlichung und Standardisierung weitere Kosteneinsparungen möglich sind. Die Nutzung innovativer Technologien bringt zudem nicht nur Vorteile für die Arbeitsweise und den Arbeitsalltag der existierenden Mitarbeiter, sondern hat auch zusätzlich einen positiven Einfluss auf die Personalgewinnung. Gerade junge Talente legen heute großen Wert auf ein modernes Arbeitsumfeld.

Was nimmst du für dich persönlich aus den Projekten mit?

Für mich ist das Spannendste der Blick hinter die Kulissen der Branche. Diese Möglichkeit des Perspektivenwechsels bietet sich nur sehr selten und ich konnte bereits viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen. Die enge Zusammenarbeit mit den Bistümern und Caritasverbänden macht mir viel Spaß und ich freue mich schon auf die kommenden Herausforderungen.

Vielen Dank für das interessante Interview und weiterhin viel Erfolg.

Michael Majewski

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