Interview mit Florian Owen zur Digitalisierung in der Sozialwirtschaft
19.03.2020 | Florian Owen | 8 min Lesezeit
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Interview zur Digitalisierung im öffentlichen Sektor und der Sozialwirtschaft

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Einrichtungen des öffentlichen Lebens sowie der Sozialwirtschaft folgen meist ihren ganz eigenen Abläufen und Arbeitsweisen. Diese gilt es unbedingt zu berücksichtigen, wenn man die Branchen als IT-Dienstleister auf dem Weg der fortschreitenden Digitalisierung begleitet. In diesem Interview gibt Florian Owen seine persönliche Einschätzung zum Status Quo der Branchen sowie möglichen Entwicklungen und einsetzenden Trends.

Welchen Bezug hast du zu den Branchen?

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Bei digatus verantworte ich das Business Center Public Sector and NGO, welches sich vorrangig mit den speziellen Herausforderungen der Kirche, sozialen Einrichtungen und Bildungseinrichtungen im Bereich der IT befasst.
Mit den Besonderheiten des öffentlichen Sektors bin ich persönlich seit jeher vertraut, da meine Eltern beide Beamte sind. Durch die Arbeit meiner Frau als Lehrerin kenne ich zudem auch die alltäglichen Herausforderungen und Anforderungen im Bereich der Bildung.
Ich selbst war außerdem über zehn Jahre lang ehrenamtlich tätig als Vorstand in meinem Radsportverein. Daher habe ich nicht nur beruflich, sondern auch privat einen starken Bezug zu den Branchen und verfüge über ein gutes Verständnis für deren Bedürfnisse.

Wie wird IT in den Branchen derzeit eingesetzt und betrieben?

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In vielen Fällen gibt es momentan zwei wesentliche Ausprägungen: Einerseits die zentral bereitgestellte IT der jeweiligen Einrichtung. Andererseits wird derzeit noch in vielen dezentralen Einrichtungen die IT von Ehrenamtlichen oder Hauptamtlichen, IT-fremden Mitarbeitern betrieben.

Wo liegen deiner Meinung nach aktuell die Herausforderungen?

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Gerade Pflegeeinrichtungen sind in der aktuellen Situation stark belastet und der Fokus liegt aktuell natürlich auf dem Schutz der Menschen und der gesundheitlichen Versorgung dieser Risikogruppen. Bislang haben viele Pflegemitarbeiter kaum Erfahrungen gesammelt mit schneller, digitaler Informationsverbreitung und virtueller Zusammenarbeit unter Kollegen, daher treten viele Fragen auf: Wie verwende ich Kommunikationstools, zum Beispiel Skype und Teams Online-Konferenzen, richtig und sinnvoll? Wie gelange ich an die benötigten Informationen? Durch die Krise werden derartige Probleme aufgedeckt, die sich durch eine stärkere Digitalisierung und entsprechende Schulung der Mitarbeiter in der Zukunft einfacher lösen und größtenteils vermeiden lassen.

In den Schulen sieht man sehr gut, welche Potentiale digitale Lösungen für Heim-Unterricht und Videokonferenzen, Lernplattformen oder ähnliches haben können, damit Unterricht nicht wochenlang ausfällt. Aber nicht nur als Notlösung, sondern auch im Alltag können Lernplattformen und digitale Lerninhalte Kinder frühzeitig an die digitale Zukunft heranführen.

Darüber hinaus liegt für mich eine zentrale Herausforderung im Zuge der Digitalisierung darin, die unterschiedlichen Altersklassen innerhalb der Anwender zu beachten und auf deren individuellen Bedürfnisse entsprechend einzugehen. Auf der einen Seite gibt es beispielsweise bei den Lehrern die Generationen der Digital Natives, die mit der Technik und zunehmenden Digitalisierung aufgewachsen ist, die Notwendigkeit dafür sehen und sie auch konkret einfordern. Auf der anderen Seite gibt es Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, die kurz vor der Rente stehen und bislang nur wenig Berührpunkte mit den aktuellen technischen Möglichkeiten hatten.
Ein ähnliches Szenario zeichnet sich auch vermehrt in den Pflegeeinrichtungen ab. Die Altersunterschiede und somit auch die Bedürfnisse und Ansprüche der Bewohner gehen teils sehr stark auseinander. So wird beispielsweise die Verfügbarkeit von WLAN und die Bereitstellung von Entertainment-Diensten wie Netflix immer wichtiger.
Die große Herausforderung im Zuge der Digitalisierung dieser Branchen liegt also darin diese äußerst unterschiedlichen Anforderungen zu erfüllen und gleichzeitig niemanden mit zu viel Technik zu überfordern oder gar völlig abzuhängen.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt in der Standardisierung und Zentralisierung der IT sowie der Vereinheitlichung der Fachsoftware. Der erwünschte Effekt daraus ist eine bessere Steuerbarkeit der IT zu erlangen und durch mehr Effizienz und Transparenz Kosten einzusparen. Neben der Kosteneinsparung ist aber auch essenziell die kostbare Zeit der Mitarbeiter einzusparen, damit zum Beispiel das Pflegepersonal mehr Zeit für die Bewohner zur Verfügung hat.

Nach wie vor nimmt auch das Thema Datenschutz aufgrund der sehr sensiblen Daten dieser Branchen einen hohen Stellenwert ein und spielt dementsprechend eine große Rolle bei der Digitalisierung.

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Für mich liegt eine große Herausforderung darin, die Digitalisierung voranzutreiben, ohne dabei die Anwender zu überfordern und manche gar vollständig abzuhängen.
Florian Owen Profilbild
Florian Owen
Business Center Leiter Public Sector und NGO

Wie kann digatus die Organisationen auf dem Weg der Digitalisierung unterstützen?

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Indem wir ganz gezielt einen Branchenfokus auf öffentliche und soziale Einrichtungen setzen. Dadurch erarbeiten wir uns wertvolles Expertenwissen und können unsere Kunden somit optimal betreuen und beraten.
Wir nutzen beispielsweise Design Thinking Workshops, um über innovative Ansätze die wichtigsten Probleme und Fragestellungen herauszuarbeiten und mit schnell zu implementierenden Minimum Viable Products (MVP) oder Prototypen die Akzeptanz und Effektivität der Lösung zu prüfen. Dadurch werden die Voraussetzungen geschaffen, um uns anschließend mit den Einrichtungen auf einen gemeinsamen, individuell angepassten Lösungsweg zu begeben.
Im Umgang mit sozialen und kirchlichen Einrichtungen wird besonderer Wert auf einen einfühlsamen und verständnisvollen Kundenkontakt gelegt. Dies ist sehr entscheidend, da die vermittelten Wertvorstellungen dort auch im beruflichen Alltag geschätzt und gelebt werden. Hinzu kommt, dass viele Nutzer meist nur wenig Berührungspunkte mit IT hatten und somit im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung eine intensivere Betreuung benötigen.

Welche Erfahrungen konnte digatus in der Branche schon sammeln?

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Mit der Beauftragung aus unserer ersten europaweiten Ausschreibung sind wir aktuell dabei die Einrichtungen für einen Münchner Pflegedienst auf dem Weg der Digitalisierung zu begleiten. Ziel ist es, sowohl zeitgemäße, digitalisierte Pflegeheime für die Bewohner als auch zeitgemäße Arbeitsplätze für die Pflegekräfte zu schaffen. Um das zu erreichen, erfolgen unter anderem die Einrichtung eines flächendeckenden WLANs, eine Rechenzentrumskonsolidierung sowie die Einführung von Microsoft Office 365.
Im Bereich der öffentlichen Bildungseinrichtungen unterstützten wir einen städtischen IT-Dienstleister in einem umfangreichen Transitionsprojekt dabei die IT-Dienstleistungen für rund 40.000 Arbeitsplätze zu übernehmen und sind aktuell dabei in einem groß angelegten Zukunftsprojekt den IT-Service zu optimieren und modernisieren.
Zudem haben wir bereits mehrere Bistümer und Caritasverbände in spannenden Projekten begleitet. Das Bistum Würzburg unterstützten wir zum Beispiel bei bistumsweiten Client Rollouts im Rahmen des Projekts EDV2020 sowie bei der Einführung eines Projektmanagementbüros (PMO) und IT-Servicemanagements. Für den Caritasverband der Diözese Würzburg führten wir außerdem eine komplette Auslagerung der IT durch, von der Evaluation über die Ausschreibung, bis hin zur Planung der Transition und deren Umsetzung zum neuen IT-Dienstleister.

Welche Entwicklungen und Trends zeichnen sich derzeit ab?

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Durch den extremen Fachkräftemangel in den Pflegeberufen wird es für die Einrichtungen immer wichtiger, IT optimal und vor allem ressourcenschonend einzusetzen damit die Pflegekräfte möglichst viel Zeit für die Betreuung der Bewohner haben.
In den Bildungseinrichtungen gilt es, das Arbeitsumfeld für die Lehrer möglichst angenehm zu gestalten und somit den Berufszweig auch für zukünftige Lehrergenerationen attraktiv zu halten. Auch die Kinder sollen frühzeitig an die Digitalisierung herangeführt werden.
Knappe Ressourcen zwingen auch die Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände, IT kostensparend einzusetzen und sich auf die eigentlichen Kernkompetenzen zu konzentrieren. Wir glauben, dass dies vermehrt zu einer Auslagerung von Basis-IT-Diensten zu externen Dienstleistern führt. Die interne IT muss sich verstärkt darum bemühen, den Mitarbeitern vor Ort moderne Anwendungen und eine mobil verfügbare Infrastruktur bereitzustellen.
Die fortschreitende Digitalisierung erfordert als Basis eine funktionierende und moderne IT, weshalb sich in den Branchen eine strukturelle Neuausrichtung und Professionalisierung der IT abzeichnet.

Welche Potentiale siehst du für die Branchen?

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Ich glaube, dass vor allem durch eine konsequente Vereinheitlichung und Standardisierung weitere Entlastungen des Personals möglich sind. Die Nutzung innovativer Technologien auf dem aktuellen Stand der Technik bringt zudem nicht nur Vorteile für die Arbeitsweise und den Arbeitsalltag der existierenden Mitarbeiter, sondern hat auch zusätzlich einen positiven Einfluss auf die Personalgewinnung. Gerade junge Talente legen heute großen Wert auf ein modernes Arbeitsumfeld.
Außerdem gilt es im internationalen Vergleich vor allem im Bereich der Bildung nicht den Anschluss an die digitalen Spitzenreiter zu verlieren. Der Grundstock hierfür liegt in der konsequenten und flächendeckenden Digitalisierung.

Was nimmst du für dich persönlich aus den Projekten mit?

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Für mich ist das Spannendste der Blick hinter die Kulissen der Branchen. Diese Möglichkeit des Perspektivenwechsels bietet sich nur sehr selten und ich konnte bereits viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen. Die enge Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern aus den unterschiedlichen Einrichtungen und Organisationen macht mir viel Spaß und ich freue mich schon darauf die kommenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

 

Vielen Dank für das interessante Interview und weiterhin viel Erfolg.

Autor Profilbild

Florian Owen

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